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I APOTHEKER-WISSEN

Bestrahlung von Medizinalcannabis: Sicher oder schädlich?

Pharmazeutische Einordnung mit Studien.

Manche Cannabis-Sorten aus der Apotheke werden mit Gammastrahlung behandelt – andere nicht. Was steckt dahinter, und sollten Sie sich als Patient Sorgen machen? Eine fundierte Einordnung aus pharmazeutischer Sicht – mit aktuellen Studien und Quellen.

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GRUNDLAGEN

Was bedeutet „Bestrahlung von Cannabis"?

Wenn von „Bestrahlung“ oder „bestrahltem Cannabis“ die Rede ist, meint man fast immer die Behandlung mit ionisierender Gammastrahlung – einem seit Jahrzehnten etablierten Verfahren zur Sterilisation von medizinischen Produkten und Lebensmitteln.

Bei Medizinalcannabis dient die Bestrahlung der Reduzierung mikrobieller Kontamination – also der Abtötung von Bakterien, Schimmelpilzen und deren Sporen. Diese Mikroorganismen können sich beim Anbau, der Trocknung und Lagerung von Cannabisblüten ansiedeln und sind besonders für Patienten mit geschwächtem Immunsystem ein ernstzunehmendes Risiko.

Wichtig zu verstehen

Bestrahlte Produkte sind nach der Behandlung selbst NICHT radioaktiv. Es bleiben keine Strahlungsrückstände im Produkt. Das Verfahren ist mit der Bestrahlung von Gewürzen, Krankenhausmaterial oder Verbandsmaterial vergleichbar – seit Jahrzehnten weltweit etabliert.

HINTERGRUND

Warum wird Cannabis überhaupt bestrahlt?

Cannabisblüten sind ein Naturprodukt. Selbst bei sauberster Verarbeitung finden sich auf den Blüten Mikroorganismen – das ist normal und biologisch. Problematisch wird es erst, wenn die Belastung die im Europäischen Arzneibuch (Ph. Eur.) festgelegten Grenzwerte überschreitet

Drei Hauptgründe für die Bestrahlung:

Patientensicherheit: Viele Cannabis-Patienten haben ein geschwächtes Immunsystem (z.B. Chemotherapie, HIV, Transplantationspatienten). Bei diesen Patienten können sonst harmlose Schimmelpilzsporen schwere Infektionen auslösen. ⁽¹⁾

Pharmazeutische Qualitätsstandards: Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gibt verbindliche Grenzwerte vor. Werden diese überschritten, darf das Produkt nicht in Verkehr gebracht werden. ⁽²⁾

Längere Haltbarkeit: Reduzierte mikrobielle Last bedeutet stabilere Lagerung über Monate – wichtig für die kontinuierliche Versorgung von Patienten.

TECHNISCHE VERFAHREN

Welche Strahlungsarten gibt es?

Drei Verfahren werden weltweit eingesetzt – alle drei sind etablierte und zugelassene Methoden ohne Hinterlassen von Radioaktivität.

AM HÄUFIGSTEN

Gammastrahlung

Cobalt-60 · 10 kGy typisch

Die am häufigsten verwendete Methode. Hohe Durchdringungstiefe, sehr zuverlässige Sterilisation auch bei verpackten Produkten.

Elektronenstrahlung

Beta-Strahlung

Schnellere Durchführung, geringere Durchdringung. Bei dünneren Produkten oder kleineren Mengen praktikabel.

Röntgenstrahlung

Bremsstrahlung-Verfahren

Neuere Methode, kombiniert Vorteile beider Verfahren. Wird zunehmend eingesetzt, vor allem in modernen Anlagen.

PRODUKTIONSPROZESS

Wann wird bestrahlt – und wo im Prozess?

Die Bestrahlung erfolgt am Ende der Verarbeitung, in der Regel direkt nach dem Verpacken:

1.

Anbau, Ernte und Trocknung

2.

Trimming (Entfernen der Stiele und Blätter)

3.

Erste Qualitätskontrolle

4.

Verpackung in luftdichten Behältern

5.

Gammabestrahlung im verschlossenen Behälter

6.

Finale Freigabe und Versand

Die Bestrahlung im versiegelten Behälter verhindert eine erneute Kontamination. Genau das ist der Vorteil gegenüber Hitzesterilisation, die zwar auch wirken würde, aber die empfindlichen Cannabinoide und Terpene stark zerstören würde

WISSENSCHAFTLICHE ERKENNTNISSE

Was sagen Studien zur Wirkung auf die Inhaltsstoffe?

Die wissenschaftlich entscheidende Frage: Verändert die Bestrahlung die medizinisch wirksamen Inhaltsstoffe? Hier die zentralen Ergebnisse der Schlüsselstudie von Hazekamp (2016, Universität Leiden) (3).

Weitere Studien aus den Jahren 2020–2023 bestätigen diese Ergebnisse (5,9). Die Hauptcannabinoide bleiben stabil. Bei sehr terpen-fokussierter Anwendung kann eine leichte aromatische Veränderung wahrnehmbar sein – therapeutisch ist sie meist irrelevant.

ERKENNUNG & AUSWAHL

Bestrahlt vs. unbestrahlt – wie erkenne ich es?

Jeder Hersteller von Medizinalcannabis muss auf dem Beipackzettel oder im Analysezertifikat angeben, ob das Produkt bestrahlt wurde. Die gängigen Kennzeichnungen:

„mikrobiell reduziert" oder „decontaminated"

„nicht bestrahlt" oder „unirradiated"

Manche Hersteller schreiben explizit „gamma-bestrahlt"

Aktuell auf dem deutschen Markt (Stand 2026):

Viele importierte Sorten aus Kanada, Niederlande, Israel: überwiegend bestrahlt

Einige europäische Anbieter: nicht bestrahlt, dafür mit strikteren Anbau- und Trocknungsstandards

Deutsche Produktion: variiert je nach Hersteller

Welche Sorten Sie bei uns bestellen können und wie diese behandelt wurden, klären wir gerne in einem persönlichen Beratungsgespräch.

UNSERE EINSCHÄTZUNG

Bestrahlung ist sinnvoll – wenn die Standards stimmen.

Aus pharmazeutischer Sicht ist die Bestrahlung von Medizinalcannabis sinnvoll und sicher – wenn folgende Voraussetzungen erfüllt sind:

Vier Qualitätskriterien aus unserer Sicht

  Transparente Kennzeichnung auf dem Produkt
  Einhaltung der validierten Dosis (typisch 10 kGy)
✓  Qualifizierte Bestrahlungseinrichtung mit pharmazeutischer Zulassung
  Begleitende Qualitätskontrolle (mikrobielle Sicherheit + Wirkstoff)

Die mikrobielle Sicherheit hat für uns immer Vorrang – besonders bei unseren immungeschwächten Patienten. Eine leichte Terpenveränderung ist akzeptabel gegenüber dem Risiko einer Pilzinfektion.

Bei Patienten, denen das Terpenprofil besonders wichtig ist (z.B. „Entourage-Effekt"), beraten wir gerne zu unbestrahlten Alternativen – sofern medizinisch und logistisch sinnvoll.

HÄUFIGE FRAGEN

Was Patientinnen und Patienten oft fragen.

Ist bestrahltes Cannabis radioaktiv?

Nein. Nach der Behandlung verbleibt keine Strahlung im Produkt. Das Verfahren wird seit Jahrzehnten bei medizinischen Produkten und Lebensmitteln angewendet, ohne dass das Endprodukt selbst radioaktiv wird.

Verändert die Bestrahlung die Wirkung?

Die Hauptwirkstoffe THC und CBD bleiben weitgehend stabil. Lediglich einige flüchtige Terpene können um 10–12 % reduziert werden, was eine leichte Veränderung des Aromas zur Folge haben kann.

Warum werden manche Sorten nicht bestrahlt?

Hersteller, die unter besonders strengen Bedingungen anbauen und trocknen, können die mikrobiellen Grenzwerte oft auch ohne Bestrahlung einhalten. Solche Sorten sind seltener und meist teurer.

Welche Strahlungsart wird verwendet?

In den meisten Fällen Gammastrahlung aus Cobalt-60. Alternativ Elektronen- oder Röntgenstrahlung. Alle drei sind etablierte und zugelassene Verfahren.

Kann ich erkennen, ob meine Sorte bestrahlt wurde?

Ja – auf dem Beipackzettel oder im Analysezertifikat. Fragen Sie uns gerne, wir helfen bei der Interpretation

Ist unbestrahltes Cannabis besser?

Nicht pauschal. Für gesunde Patienten ohne Immunschwäche kann unbestrahltes Cannabis Vorteile haben (intensiveres Terpenprofil). Für immungeschwächte Patienten ist bestrahlt die sicherere Wahl.

WISSENSCHAFTLICHE QUELLEN

Belege und weiterführende Studien

(1) 

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Mikrobiologische Anforderungen an Cannabisblüten. 2023.

(2)

Deutsches Arzneibuch (DAB) / Europäisches Arzneibuch (Ph. Eur.). Monographie „Cannabisblüten zur Inhalation“. 2022.

(3)

Hazekamp A. Evaluating the Effects of Gamma-Irradiation for Decontamination of Medicinal Cannabis. Front Pharmacol. 2016 Apr 27;7:108.

(4)

Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Stellungnahme zur Lebensmittelbestrahlung. 2022.

(5)

Cardenia V. et al. Cannabinoid Profiling Following Gamma Sterilization. J Pharm Sci. 2020;109(2):989–996.

(6)

International Atomic Energy Agency (IAEA). Manual of Good Practice in Food Irradiation. 2015.

(7)

Deutsche Apotheker Zeitung (DAZ). Cannabisblüten: Mikrobiologie und Aufbereitung. 2023

(8)

BfArM. Bekanntmachung zu Cannabisarzneimitteln. Aktuelle Auflage.

(9)

Hazekamp A., Fischedick J. Cannabis – From cultivation to medicinal use. Daru. 2012;20(1):44.

(10)

Ph. Eur. Allgemeines Kapitel 5.1.4. Mikrobiologische Qualität pharmazeutischer Zubereitungen.

(11)

WHO Expert Committee on Drug Dependence. Cannabis and cannabis resin. 2018.

(12)

ACM (Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin). Patientenleitfaden. 2024.

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